{"id":364,"date":"2012-10-21T10:28:25","date_gmt":"2012-10-21T10:28:25","guid":{"rendered":"http:\/\/jcmeister.de\/?p=364"},"modified":"2023-05-23T20:23:41","modified_gmt":"2023-05-23T20:23:41","slug":"postdramatische-pan-semiotisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jcmeister.de\/postdramatische-pan-semiotisierung\/","title":{"rendered":"<!--:de-->Postdramatische Pan-Semiotisierung<!--:-->"},"content":{"rendered":"\n<p><!--:--><!--:de-->Gestern abend &#8220;Faust I&#8221; in der Inszenierung von Nicolas Stemann vom 21.08.2011 in Salzburg auf DVD gesehen. Himmel, wer hat diese Aufnahme verbrockt&#8230; oder hat das jemand heimlich gefilmt? &#8211; Na ja, passt eigentlich ja gerade wegen der technischen M\u00e4ngel hervorragend ins Inszenierungskonzept, denn es zieht dem&nbsp; Spektakel dann gleich noch eine distanzierende Ebene ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Umwerfend ist nat\u00fcrlich die schauspielerische Leistung, allen voran Sebastian Rudolph &#8211; vielleicht ist sie sogar so blendend, dass sie den genau genommen doch ziemlich abgegriffenen Inszenierungsklamauk einfach vergessen macht. Ein ger\u00fcttelt Ma\u00df Polymedialit\u00e4t hier, ein paar Zeitschleifen da, dann die Projektion mehrerer Figuren auf eine: alles schon dagewesen. Aber man sollte fairerweise auch zugestehen: das schafft nat\u00fcrlich erst die Plattform, auf der z.B. Sebastian Rudolph und Philipp Hochmair gleich mehrere pas de deux hinlegen k\u00f6nnen, die es in sich haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Das eigentlich Problematische an der ganzen Sache ist f\u00fcr mich das schlichte Zuviel. Die Inszenierung sch\u00fcttet den Betrachter mit Bedeutsamkeiten zu &#8211; aber sie entfaltet keine Deutungsm\u00f6glichkeit, sondern sie zieht sich auf den Thomas Mannschen Gestus intelligenter Ironie zur\u00fcck. So wird das St\u00fcck zu einer Bricolage umfunktioniert, und am Ende freuen wir uns, mal wieder erkannt zu haben, dass Sinnstiftung eine im Prinzip unm\u00f6gliche Sache ist, und dass wir das begriffen haben, wor\u00fcber wir uns dann gleich nochmal freuen, und so weiter ad infinitum. Wie beinahe alle auf Selbstreflektion fixierten Gegenwartsk\u00fcnste ger\u00e4t auch das sog. &#8216;postdramatische Theater&#8217; schnell zu einer \u00e4sthetische Kapitulationserkl\u00e4rung gegen\u00fcber dem eigentlichen Auftrag von Kunst: <em>aisthesis<\/em>, also ein Anders-Sehen und Anders-F\u00fchlen zu erm\u00f6glichen. Dieses Projekt bezieht seine Berechtigung jedoch nur aus dem Sich-Einlassen auf ein Repr\u00e4sentiertes, auf ein Au\u00dfen der Kunst &#8211; und genau davor dr\u00fcckt sich die Selbstreflektion, wenn sie zum Programm erhoben wird. Diese \u00c4sthetik eskamotiert unsere Umwelt hinweg und wirft uns auf uns selbst zur\u00fcck. So flottieren wir dann als sensualistisch-intellektualistisch hochsensibilisierte Monaden der Postmoderne durch das Universum der literarischen Texte, der Theaterauff\u00fchrungen, der Performances usw. usf.., und das einzige &#8216;Au\u00dfen&#8217; ist bestenfalls noch ein intertextueller Ankn\u00fcpfungspunkt. Alles aber, was gezeigt und erz\u00e4hlt wird, scheint dennoch irgendwie bedeutungshaft: Signifikanten ohne Ende &#8211; das &#8220;Reich der Zeichen&#8221; (Barthes) hat uns verschluckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und keinem f\u00e4llt auf, dass das ganze Programm in seiner Machart zutiefst archaisch ist: denn indem wir Allem und Jedem Bedeutungen einschreiben (der &#8220;Haut&#8221;, dem &#8220;K\u00f6rper&#8221;), ist wieder alles zum Zeichentr\u00e4ger geworden. Willkommen zur\u00fcck in der pan-semiotisierten Welt des Mythos!&nbsp; Woran es uns entschieden mangelt, ist das Bedeutungslose &#8211; und der Mut, es zu ertragen und als notwendiges Gegenst\u00fcck des Bedeutungshaften anzunehmen. Denn auch Sinn und Bedeutung bed\u00fcrfen eines Anderen; als Allbegriffe ohne Widerpart sind sie: sinn-los.<!--:--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern abend &#8220;Faust I&#8221; in der Inszenierung von Nicolas Stemann vom 21.08.2011 in Salzburg auf DVD gesehen. 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